All Their Sins – Oliver Wiese | Rezension

📖 All Their Sins von Oliver Wiese

Thriller · Erstlingswerk · Reihe Band 1


Ich habe das Buch zugeklappt und erstmal eine Weile auf die Wand gestarrt. Nicht weil ich nicht wusste, was ich denke – sondern weil ich mir nicht sicher war, ob ich es sagen darf. Und das Gefühl ist auch Tage später noch nicht ganz weg.

„Ist jemand, der Menschen tötet, die ungeschoren davonkommen würden, ein Mörder oder ein Held?“


Worum geht’s

Stanley Harper war einst einer der gefürchtetsten Männer der USA. Monatelang hielt er das Land in Atem – gezielt, kompromisslos, mit einer klaren Mission: Machtmissbrauch und Korruption zu bekämpfen, dort, wo das System kläglich scheitert. Mehr als zwanzig Morde später schnappt das FBI zu. Leitender Agent John Greyson fängt Harper – doch Harper tötet zuvor Greysons Frau.

Fünf Jahre danach. Harper entkommt seiner Hinrichtung. Sein Ziel: Washington D.C. – und die Vergebung des Mannes, dessen Leben er zerstört hat. Greyson, längst dem FBI den Rücken gekehrt, erfährt es und begibt sich erneut auf die Jagd. Ein Katz-und-Maus-Spiel durch die Hauptstadt beginnt. Und diesmal stellt sich Greyson eine Frage, die er lange verdrängt hat: Welchen Weg schlägt er ein – den des Mannes, der ans System glaubt? Oder den des eiskalten Killers?


Was mich begeistert hat

💿 Das Cover. Schon bevor man die erste Seite aufschlägt, macht dieses ungewöhnliche Schallplatten-Cover neugierig – und am Ende versteht man, warum es so perfekt gewählt ist. Dass klassische Musik hier so eine große Rolle spielt, hätte ich vorher nie erwartet – aber irgendwie passt es perfekt zur Stimmung des Buchs.

Keine Verschnaufpause. Von der ersten Seite an war ich drin. Kein langsames Warm-up, keine zähen Backstory-Passagen – es geht sofort los. Die Spannungskurve bleibt konstant hoch, ohne sich dabei zu überschlagen.

🧠 Moralische Tiefe. Der wirkliche Coup ist, wie Wiese den Leser dazu bringt, Sympathie für einen Serienmörder zu entwickeln – und sich dabei unwohl zu fühlen. Der Graben zwischen Gesetz und Gerechtigkeit, zwischen Pflicht und Selbstjustiz, ist so klug eingebaut, dass man ihn kaum merkt, bis man mittendrin steckt.

👥 Vielschichtige Charaktere. Greyson ist kein unfehlbarer Held. Er hat sich schuldig gefühlt, seine Tochter in der Trauer alleingelassen, sich von allem zurückgezogen. Das macht ihn menschlich und seine Entscheidungen nachvollziehbar. Harpers Team funktioniert als Einheit, jede Figur hat Profil.

✍️ Schreibstil wie aus erfahrener Feder. Ich würde niemals darauf kommen, dass es sich hier um ein Debüt handelt. Wiese schreibt flüssig, intensiv, ohne Scheu vor harten Szenen. Manche Szenen waren schon ziemlich heftig beschrieben. Nicht übertrieben brutal, aber so intensiv, dass ich teilweise kurz innehalten musste.

📖 Kapitellänge: perfekt. Die Kapitel hatten für mich genau die richtige Länge – lang genug, um richtig in die Handlung einzutauchen, aber nicht so lang, dass man keine gute Lesepause findet.

🎵 Die musikalische Dimension. Schubert als roter Faden durch einen modernen Thriller? Klingt seltsam, funktioniert aber wunderschön. Diese Musik werde ich wohl für immer mit dem Buch verbinden.


Ehrliche Kritik

Kein Buch ohne kleinen Wermutstropfen: John Greyson weint. Viel. Manchmal war mir Greyson fast ein bisschen zu emotional. Gerade als Ex-FBI-Agent hätte ich mir in manchen Situationen etwas mehr Härte gewünscht. Das hat die Geschichte für mich zwar nicht schlechter gemacht, ist mir aber öfter aufgefallen.


Fazit

All Their Sins war für mich mehr als nur ein spannender Thriller. Das Buch hat mich nicht nur wegen der Spannung gepackt, sondern vor allem wegen der moralischen Fragen dahinter. Ich mochte die Atmosphäre, die Charaktere und dieses ständige Gefühl, nicht genau zu wissen, auf wessen Seite man eigentlich stehen soll.

Für wen? Wenn ihr Thriller mögt und kein Problem damit habt, am Ende nicht ganz sicher zu sein, wer hier eigentlich auf der „richtigen“ Seite steht, dann könnte das genau euer Buch sein.

Und wer Selfpublishing bisher eher skeptisch gesehen hat – ich war es ehrlich gesagt auch ein bisschen – wird hier definitiv eines Besseren belehrt.

⭐⭐⭐⭐⭐ – und ich freue mich sehr auf All Their Lust, den zweiten Teil, der im Juli erscheint! 💿


💬 Könntet ihr für jemanden Verständnis aufbringen, der aus moralischer Überzeugung tötet – auch wenn das Gesetz dagegen steht? Habt ihr das Buch schon gelesen? Schreibt es mir in die Kommentare – ich bin gespannt, was ihr denkt!


Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Autor Oliver Wiese zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür! Meine Meinung bleibt davon selbstverständlich unberührt.

Eure Miriam

Home Before Dark – Eva Björg Ægisdóttir | Rezension

📖 Home Before Dark von Eva Björg Ægisdóttir

Psychothriller · Island · Rezensionsexemplar

Island, 1968. Ein junges Mädchen verschwindet spurlos – der Fall wird nie gelöst. Jahrzehnte später kehrt Marsi in das Haus ihrer Kindheit zurück und beginnt, alte Wunden aufzureißen. Was sie findet, ist mehr als ein ungelöstes Verbrechen: Es ist das Psychogramm einer Familie, das bis in die Gegenwart nachwirkt.


„Home Before Dark“ ist atmosphärisch, subtil – und bleibt leider unter seinen eigenen Möglichkeiten.


Ein Cold Case aus den 60ern, eine Frau, die Schuld mit sich trägt – und ein Mörder, der noch immer frei ist. Das Grundgerüst ist stark. Und Ægisdóttirs Schreibstil macht es leicht, sich darin zu verlieren: flüssig, düster, mit dieser typisch isländischen Untertemperatur.

Was ich wirklich mochte Das langsame Entwirren über mehrere Zeitebenen. Jedes Mal, wenn man glaubt, näherzukommen, taucht ein Detail auf, das alles neu sortiert. Auch der historische Aspekt rund um die isländischen Heime der 1940er-Jahre gibt der Geschichte eine beklemmende Tiefe, die nachwirkt.

Und trotzdem Die Figuren blieben mir zu weit weg. Marsi, die ständig an der Grenze zwischen Traum und Erinnerung taumelt, ist als Idee fesselnd – emotional hat sie mich aber kaum erreicht. Kein klassischer Thriller, eher das Psychogramm einer dysfunktionalen Familie. Nicht schlecht – nur anders als erwartet.

Was mir schwer fiel Echte Spannung zu spüren. Die Atmosphäre ist da, die Geheimnisse auch – aber das Kribbeln, das ich mir erhofft hatte, blieb meistens aus. Ægisdóttirs Island-Krimi-Reihe hat mich deutlich mehr gepackt.

Fazit Ein atmosphärischer, blutloser Thriller, der mehr Psychogramm als Nervenkitzel ist. Für Fans von ruhiger, vielschichtiger Spannung aus dem Norden durchaus lesenswert – wer jedoch mitreißende Spannung erwartet, könnte enttäuscht werden. Kein schlechtes Buch, aber nicht Ægisdóttirs Bestes.

⭐⭐⭐ 3 von 5 Sternen


💬 Habt ihr „Home Before Dark“ gelesen oder kennt ihr andere isländische Thriller, die euch wirklich gepackt haben? Ich freue mich auf eure Empfehlungen in den Kommentaren!


Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar von NetGalley und dem Kiwi-Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür! Meine Meinung bleibt davon selbstverständlich unberührt.

Eure Miriam