📖 Fräulein Gold: Schatten und Licht von Anne Stern
Historischer Roman · Krimi · Band 1 der Fräulein-Gold-Reihe
Berlin in diesem Buch fühlt sich nicht wie Kulisse an, sondern wie ein Zustand. Laut, eng, brüchig – und trotzdem voller Leben, das sich seinen Weg bahnt. Beim Lesen hatte ich immer wieder das Gefühl, mitten in diesen Straßen zu stehen, ohne wirklich ausweichen zu können. Besonders diese Mischung aus Aufbruch und Erschöpfung hat mich nicht losgelassen. Es ist diese Art Geschichte, die einen nicht sofort packt, aber langsam unter die Haut geht.

Worum geht’s
Hulda Gold arbeitet als Hebamme im Berlin der 1920er Jahre. Ihr Alltag führt sie in sehr unterschiedliche Haushalte – von Fürsorge bis hin zu existenzieller Armut ist alles dabei. Dabei begegnet sie nicht nur neuen Leben, sondern auch Momenten, die schwer auszuhalten sind.
Als sie bei einem Hausbesuch auf einen rätselhaften Todesfall aufmerksam wird, lässt sie die Sache nicht mehr los. Aus anfänglicher Neugier wird schnell ein persönliches Interesse, und Hulda beginnt, Fragen zu stellen, mit denen sie sich nicht überall beliebt macht. Dabei rutscht sie tiefer in eine Geschichte hinein, die weit über das hinausgeht, was sie zuerst vermutet hat.
Was mich begeistert hat
🌫️ Atmosphäre
Das Berlin der 20er Jahre wirkt hier nicht romantisiert, sondern rau und nahbar. Ich hatte beim Lesen oft das Gefühl, die Enge der Wohnungen und die Kälte der Straßen direkt zu spüren. Diese Mischung aus Hoffnung und Überforderung zieht sich konsequent durch die Seiten.
👩🍼 Hulda als Figur
Hulda wirkt weder glatt noch perfekt durchdacht konstruiert. Gerade das macht sie greifbar. Sie ist engagiert, manchmal zu neugierig, manchmal auch einfach zu direkt – und genau dadurch bleibt sie im Kopf hängen.
🏙️ Zeitgefühl
Die Nachwirkungen des Krieges und die Unsicherheit der Weimarer Republik sind ständig spürbar, ohne dass es wie ein Lehrbuch wirkt. Diese historischen Hintergründe sind eher wie ein leiser Unterton, der alles beeinflusst.
🕯️ Krimi-Elemente im Alltag
Der Kriminalfall entwickelt sich eher nebenbei aus Huldas Arbeit heraus. Das mochte ich, weil es sich organisch anfühlt und nicht wie ein aufgesetzter Plot wirkt.
Ehrliche Kritik
Nicht alles hat für mich gleich stark funktioniert. Der Kriminalfall selbst war stellenweise vorhersehbar und wirkte in manchen Momenten etwas zu sehr von Zufällen getragen. Dadurch hatte ich ab und zu das Gefühl, dass Hulda genau dann die richtigen Informationen bekommt, wenn sie sie braucht.
Auch die Liebesgeschichte hat mich eher kalt gelassen. Sie nimmt zwar nicht übermäßig viel Raum ein, aber sie hat für mich die Dynamik zwischendurch eher gebremst als ergänzt.
Fazit
Fräulein Gold: Schatten und Licht ist für mich weniger ein klassischer Krimi als vielmehr ein sehr stimmungsvolles Zeitbild mit kriminalistischem Kern. Besonders stark ist das Buch dort, wo es das Leben im Berlin der 20er Jahre greifbar macht – mit all seinen Brüchen, sozialen Gegensätzen und leisen Zwischentönen.
Wer historische Romane mag, die nicht nur erzählen, sondern Atmosphäre aufbauen, wird hier gut abgeholt. Für reine Krimilesende könnte es stellenweise etwas zu ruhig und verzweigt sein.
⭐⭐⭐⭐ 4 von 5 Sternen
💬 Bei manchen Büchern bleibt ja gar nicht unbedingt die Handlung hängen, sondern eher die Welt, in der alles spielt. Habt ihr auch solche Bücher?
Hinweis
Selbstgekauftes Exemplar
Eure Miriam